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Auf Augenhöhe kommunizieren



„Sich auf Augenhöhe zu begegnen, ist nicht eine Frage der Körpergröße.“

- Redensart


Das Thema „auf Augenhöhe kommunizieren“, kommt im Coaching immer mal wieder zur Sprache:


„Ich arbeite in einem internationalen Wissenschaftlerteam. Kommunizieren wir auf Englisch – derzeit regelmäßig in Videokonferenzen – sprechen sich alle mit Vornamen an; treffe ich meinen Projektleiter, einen deutschen Professor, anschließend auf dem Flur, spricht er mich mit „Sie“ und Nachnamen an. Das finde ich befremdlich und ist für mich nicht auf Augenhöhe.“

„Die Art und Weise wie meine Chefin mich letzte Woche in ein Meeting zitiert hat, war völlig respektlos. Das hat mit Augenhöhe nichts mehr zu tun.“

Du oder Sie – Augenhöhe – Respekt, das sind die am häufigsten verwendeten Begriffe, wenn es um Kommunikation geht. Was bedeuten sie jeweils und wie wirken sie im Zusammenspiel?


Du oder Sie?


Als mich vor mehr als zehn Jahren in Frankfurt in einem Apple-Store ein junger Verkäufer konsequent mit „Du“ ansprach, habe ich erst mich und dann ihn gefragt: „Seit wann duzen wir uns?“ Seine Antwort: „Das ist unsere Kultur.“


„Wenn mich also jemand auf Twitter mit Sie anspricht, frage ich mich zu Recht, wann ich dieser Person das Sie angeboten haben soll und weshalb sie sich tendenziell respektlos verhält. Dass sie eventuell gar nicht weiß, wie respektlos das ist, […] entschuldigt das für mich nur bedingt: Die Kenntnis über die Gepflogenheiten in digitalen Räumen ist ebenso wichtig wie bei jeder anderen Art der Kommunikation – und man kann sich darüber schlaumachen, bevor man diese Räume betritt. Denn ein Fehlen dieser Kenntnis kann schnell zu Missverständnissen führen.“ (Rezo, ZEIT online, 28.01.2020)

Nach einem Arbeitstreffen unter Beraterkollegen und -kolleginnen – ein Kreis, in dem sich alle duzen – fragte mich anschließend ein Kollege, mit dem ich mich vorher gesiezt hatte, „Sind wir jetzt per Du oder war das ein sitzungsbezogenes „Arbeits-Du“?


Ein junger Masterstudent aus Dänemark formuliert seine Erfahrung an einer deutschen Uni so:


„Da muss ich die Professoren siezen. Das finde ich komisch, weil man sich vom Gesprächspartner so distanziert. In Dänemark duzen wir alle. Dadurch ist man gleich auf Augenhöhe, auch mit den Lehrenden. Siezen würde man bei uns nur die Königin.“ (ZEIT Campus 02.08.2015, online)

Woran ist die Verwendung von Du oder Sie gebunden? An die Unternehmenskultur (Apple), an die Gepflogenheit im Kommunikationsmedium (digitaler Raum, Twitter), an den Arbeitskontext (temporäres Arbeits-Du im Workshop), an die verwendete Sprache (Englisch oder Deutsch), an die Institution (Universität), an die kulturellen Eigenheiten eines Landes (Dänemark, Deutschland).


Ist die Verwendung von Du oder Sie eine Frage der Augenhöhe, des Respekts?


Augenhöhe – was heißt das?


Augenhöhe wird assoziiert mit ebenbürtig, gleichrangig, auf gleicher Ebene, gleichwertig. Wer bemisst eigentlich, ob man mit dem Gegenüber auf Augenhöhe ist? Und können zwei Menschen, die miteinander im Gespräch sind, Augenhöhe unterschiedlich erleben?

Ich hatte mal einen Chef, der war von der Körpergröße einen Kopf kleiner als ist. Gespräche mit ihm im Stehen – was bedeutete, dass er zu mir raufschauen musste und ich logischerweise zu ihm runterschaute – unterlagen stets einer gewissen Anspannung. Gespräche im Sitzen waren deutlich entspannter. Spielt Körpergröße doch eine Rolle? Rein physisch gesehen, vielleicht ja.

Erlebte Gleichwertigkeit bzw. das Gefühl von unter- bzw. überlegen sein, kommt von innen. Nur ich als Betrachter bin in der Lage, mir einen Menschen kleiner oder größer vorzustellen und folglich meinen Selbstwert auf- oder abzuwerten in Verbindung mit der Beurteilung des Wertes meines Gegenübers. Also ist Augenhöhe eine Frage der inneren Haltung.


Sehe ich in meinem Gegenüber in erster Linie den Menschen, der mir als Mensch gleichwertig ist, oder schaue ich vorrangig auf Unterschiede, aus deren Bewertung sich Vor- oder Nachteile ergeben können? Unterschiede an sich – fachlich, kulturell oder in der Hierarchie – sind kein Widerspruch zur Begegnung auf Augenhöhe als Mensch. Auf Augenhöhe miteinander zu reden, heißt dann: sich Zeit nehmen, den anderen in seiner Eigenheit wahrzunehmen, seine Perspektive zu hören und soweit möglich zu verstehen, in der Sache kann man durchaus unterschiedlicher Auffassung sein.


„Wir alle brauchen und wollen Respekt, Mann oder Frau, schwarz oder weiß. Es ist unser Recht als Mensch.“

- Aretha Franklin


Respekt – horizontal und vertikal


Es gibt mindestens zwei Arten von Respekt, die man unterscheiden sollte:

  1. Horizontaler Respekt: Er drückt sich darin aus, dass man einen anderen als prinzipiell gleichwertiges Gegenüber betrachtet, als Menschen mit gleicher Würde. Horizontaler Respekt ist eine Haltung. Er gilt absolut: Entweder man erkennt einen Anderen als gleichwertiges Gegenüber an oder man tut es nicht.

  2. Vertikaler Respekt: Er entsteht auf der Grundlage wahrgenommener positiv bewerteter Differenz. Dem anderen werden größeres Wissen, besondere Fähigkeiten oder herausragende Eigenschaften zugeschrieben. Vertikaler Respekt drückt sich darin aus, dass man dem Anderen freiwillig und gerne folgt.

Vertikaler Respekt gilt bedingt und graduell: In dem Maße, in dem man beim Anderen besondere Ausprägungen in Wissen etc. wahrnimmt, wird dieser Andere respektiert.

Keine der beiden Arten des Respekts kann man erzwingen. – Die Gleichwertigkeit des Menschen im horizontalen Respekt muss eingesehen werden. Die Differenz im vertikalen Respekt muss anerkannt werden. Beide Arten werden somit durch die respektierende Person entschieden. Diese Ausführungen zum Respekt stammen von der Homepage der RespectResearchGroup an der Uni in Hamburg. Hier gibt es viel Spannendes zum Thema zu lesen: https://www.respectresearchgroup.org/respekt/



Respekt ist nicht an die Verwendung von Du oder Sie gebunden. Aber, wenn sich Gesprächspartner respektieren, werden sie miteinander die passende Form finden.


„Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muß man eigenen haben.“

- Arthur Schopenhauer

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